Maultaschenfall

Maultaschen eingesteckt – Abfindungsvergleich nach fristloser Kündigung

Ähnlich wie im Fall der Kassiererin „Emmely“ war der Fall der fristlosen Kündigung einer Altenpflegerin gelagert, der als sog. „Maultaschenfall“ bekannt wurde.

Die Mitarbeiterin eines Altenheims wollte sechs Maultaschen, die von der Bewohnerverpflegung übrig geblieben waren und entsorgt worden wären, mit nach Hause nehmen. Der Arbeitgeber hatte zuvor ausdrücklich bestimmt, dass Essensreste nicht vom Personal mitgenommen werden dürfen.

Das Arbeitsgericht Lörrach hatte die fristlose Kündigung, die der Arbeitgeber nach Entdeckung aussprach, noch durchgewunken. Die Richter der Berufungsinstanz vom Landesarbeitsgericht (LAG) Baden-Württemberg sahen die Sache anders. Sie hätten die Arbeitnehmerin gewinnen lassen. Da dies die Fortbeschäftigung der Mitarbeiterin bedeutet hätte, nahm der Arbeitgeber lieber eine Menge Geld in die Hand und schloss mit der Altenpflegerin einen Abfindungsvergleich. Damit wurde das seit 17 Jahren bestehende Arbeitsverhältnis beendet. Mit 25.000 EUR Abfindung und der Nachzahlung der während des Prozesses aufgelaufenen Gehaltsansprüche trennten sich die Wege der langjährigen Arbeitsvertragsparteien.

Das LAG Baden-Württemberg hat insbesondere darauf abgestellt – und hier ist die Parallele zum Fall „Emmely“ zu ziehen – dass die Mitarbeiterin eine Betriebszugehörigkeit von 17 Jahren vorzuweisen hatte. Der Diebstahl wurde, trotzdem es sich um Maultaschen von geringem Wert handelte, durchaus als schwerer Vertrauensbruch gewertet. Der konnte aber den „Vertrauensvorschuss“ der vielen Jahre unbeanstandeter Zusammenarbeit nicht ganz vernichten. Der Arbeitgeber hätte nach Ansicht des LAG die Mitarbeiterin abmahnen und ihr damit noch einmal die Chance geben müssen, sich künftig an die Regeln zu halten. Das Gericht hat in diesem Fall auch deshalb besondere Milde walten lassen, weil die Maultaschen aus Sicht des Arbeitgebers Abfall und somit wertlos waren. Eine fristlose Kündigung war daher überzogen.

(LAG Baden-Württemberg, Vergleich v. 30.03.2010, 9 Sa 75/09)

Praxistipp für Arbeitgeber

Eine unwirksame fristlose Kündigung kann ein Unternehmen, vor allem bei langer Prozessdauer, teuer zu stehen kommen. Wir empfehlen daher – wenn Unsicherheit besteht, ob ein Vorfall für eine Kündigung ausreichend ist oder nicht – lieber erst noch mal eine Abmahnung auszusprechen.

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